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Obdachlosenarbeit - im historischen Spiegel

Der Umgang mit obdachlosen Menschen war schon immer ein guter Anzeiger für das soziale Selbstverständnis eines Staates. Die bewusste Ausgrenzung von Menschen hat zweifellos Geschichte. - Wo stehen wir heute?

Die Soziale Arbeit, die sich z.B. mit obdachlosen Familien befasste sah nicht immer gleich aus: Wenn sie sich um 1960 herum mehr oder weniger im Kontext von Obdachlosensiedlungen als ordnungspolitische Instanz verstand, verwirklichte sie in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein wirklich sozialpädagogisches Projekt mit dem - auch durchaus gelungenen  - Versuch, obdachlose Familien wieder in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen ihre Würde und ihren Wert wieder zu geben.

Was ist heute aus solchen Ansätzen geworden?

Obdachlosensiedlung Mühltal in Wiesbaden

Zunächst drei Momentaufnahmen aus der Geschichte dieser Obdachlosensiedlung:

  •  Schon Ende des 19. Jahrhunderts standen Obdachlosenbaracken neben der städtischen Kläranlage, primitive Hütten für Obdachlose. Sie sollten aus der vom Kaiser als Kurstadt erkorenen, reichen, prachtvollen Stadt möglichst ausgegrenzt werden und unsichtbar bleiben.
  • 1938 wird die Einweisungspolitik weiter verschärft, man versucht jetzt aber, gezielt die erbgesunden, wertvollen kinderreichen Familien davor zu schützen.
  • 1966 entschließt sich der Stadtrat zur Sanierung der Holzbaracken mit Kalksandlochsteinen ohne Innenputz, obwohl die staatliche Treuhandstelle für Wohnungsbau aus technischen, hygienischen und gesundheitlichen Gründen dringend von dieser Primitivbauweise abgeraten hatte. Aber der Stadtrat will 1966 seine obdachlosen Familien nicht verwöhnen.

1973 noch nannte man im Jugendamt diese Siedlung das „Tal der langen Messer.“ Es waren dort doppelt so viele Menschen untergebracht, wie eigentlich vorgesehen und möglich war. Die Familien lebten in völliger Armut, es herrschte Gewalt. Vernachlässigung war an der Tagesordnung. Von den dort Untergebrachten konnte sich über Jahrzehnte hinweg niemand aus dem Milieu herausarbeiten – hierfür ein Beispiel als Indiz: sämtliche Kinder aus der Obdachlosensiedlung Mühltal wurden in den Jahren um 1970 herum sofort (ohne Überprüfung) direkt in die nahe gelegene Sonderschule eingeschult.

Sozialarbeiter gingen noch 1973 nur mit Polizeischutz in die Siedlung Mühltal. Sie wurden als Handlanger einer Sozialpolitik erlebt, die sich gegen die Menschen in der Siedlung richtete und sie verhielten sich oft auch nicht anders. Und wer sich dennoch für diese Menschen einsetzen wollte, stand auf ziemlich verlorenem Posten.

Dann starb ein Kind beim Spielen in der unmittelbar daneben liegenden Klaranlage. Die Öffentlichkeit wurde wach und die Stadtväter waren sehr gerührt.

Wir schrieben das Jahr 1974, es war 6 Jahre nach der inneren Reform der Sozialen Arbeit in Folge der 68er Bewegung. Im Mühltal engagierte sich in direkter Folge dieses Todesfalles ein neuer, sozialpädagogischer Projektverbund. Träger waren gemeinsam die Caritas, die Diakonie und die Stadt selber. Insgesamt arbeitete dieser Verbund 18 Jahre lang intensiv in dieser Obdachlosensiedlung.

Im Mühltal entstand im Verlaufe der nächsten 1, 2 Jahre eine Kindertagesstätte, ein Hort, ein Mittagstisch. Die Sozialarbeiter vom ASD hielten offene Sprechstunde, waren täglich präsent und machten jede Menge niedrig schwellige Angebote, die zunehmend angenommen wurden. Aber nicht nur die SozialarbeiterInnen waren aktiv und setzten sich solidarisch für ihre Klientel ein, die Bewohner selber lernten, sich zu wehren und für ihre Rechte zu kämpfen! Es entwickelte sich z.B. ein selbst verwaltetes Bewohnerparlament, bei dem der betreuende Sozialarbeiter nur beratend teilnehmen durfte. Es fanden im Verlaufe der Zeit 11 Sit-Ins in Stadtratsversammlungen statt, bei denen die Mütter der Siedlung ihren Forderungen nach menschenwürdigen Lebensbedingungen Nachdruck verliehen.

Einwohner renovierten ihre Häuser und wurden dafür richtig und nach Tarif entlohnt, sie erhielten Mietverträge, es entstand eine Künstlergruppe, die in der ganzen Stadt ihre Bilder ausstellte.

Das oben gezeigte Bild wurde von der Künstlergruppe gemalt und stellt auf der linken Seite die Situation in der Siedlung vor Beginn des Projektes dar. Auf der rechten Seite zeigt sich das Mühltal als das, was es nach 20 Jahren Projektarbeit war und heute noch ist: Eine kleine, schmucke, fast idyllische Siedlung mit stolzen Bewohnern. Ein kleines Indiz für die kolossale Veränderung der Lebensverhältnisse: 1992, 18 Jahre später, als das Projekt beendet wurde, besuchte nicht eins der Kinder aus dem Mühltal mehr eine Sonderschule….

Zusammengefasst lässt sich sagen:

Soziale Arbeit hat das Schicksal der Bewohner im Mühltal seit ihren eigenen Anfängen immer irgendwie begleitet. Lange Zeit konnte sie nicht viel für die Bewohner tun, weil die Politik es nicht zuließ.

Zustande gekommen ist und so nachhaltig umgesetzt wurde dieses erfreuliche und erfolgreiche Projekt auch im Jahre 1974 nicht in erster Linie durch die Unterstützung gut meinender und erschrockener Stadtväter als vielmehr und hauptsächlich durch engagierte Sozialarbeiter. In der Zeit nach den 68ern wurde das parteiliche Engagement der Sozialen Arbeit hier z.B. für die obdachlosen Familien von der Politik und der Gesellschaft allerdings mehrheitlich akzeptiert und unterstützt. Sie bekam sie die Chance, zu zeigen, was sie vermag, wenn man ihr die notwendigen Bedingungen gibt.

Heute freilich gibt es in dieser Stadt wieder hinreichend Probleme mit obdachlosen und anders sozial ausgegrenzten Familien – diesmal nicht in der Siedlung Mühltal, aber an anderen Orten des Stadtgebietes. Sie leben in sozialen Brennpunkten und werden im Wesentlichen verwaltet, auch ruhig gehalten, und nicht selten auch durch Druck diszipliniert. Für sie stehen dann die mildtätigen Projekte einer Gesellschaft zur Verfügung, die sich auf diese Weise von ihrer Mitschuld an einer sozialpolitischen Entwicklung loskauft, die Menschen aussondert, fallen lässt und ihnen für ihr Schicksal ganz allein die Schuld zuschiebt. Und eine Soziale Arbeit, die versucht, solchen Tendenzen entschieden gegenzusteuern, hat heute wieder einmal einen ziemlich schlechte Stand.

Kommentare  

 
#2 ms 2013-02-04 14:01
Hallo Monika,
Die Quelle bin zunächst mal ich selber, ich war 14 Jahre lang sozusagen dabei.
Es gibt über dieses Projekt , so weit ich weiß, nur eine einzige ältere Veröffentlichun g (ich habe sie neulich bei Amazon noch antiquarisch bekommen):
AG SPAK M 20, Empirie einer Subkultur, Obdachlosensied lung Wiesbaden-Mühltal.
Das Buch stammt aber aus der Anfangszeit. Ich habe das Ganze ja mindestens 10 Jahre länger beobachtet.
 
 
#1 Monika 2013-02-03 14:02
Sie haben einen interessanten Artikel geschrieben. Auf welche Quellen beziehen Sie sich?
 

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