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der Jugendhilfeausschuss, ein parlamentarischer Ausschuss, der über unsere fachlichen Dinge berät und beschließt

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

kürzlich habe ich als Mitarbeiter einer Jugendhilfeeinrichtung in unserem Landkreis (ca. 120.000 Einwohner) erstmals eine Jugendhilfeausschusssitzung besucht. Dies hätte ich längst tun sollen, denn ich habe dies als sehr aufschlussreich erlebt. Lange schon haben sich die mehr als besorgniserregenden Entwicklungen, die von Hamburg ausgehen, in der Kinder- und Jugendhilfe in verschiedenen Teilen der Republik ausgebreitet.

In zwei Stunden Sitzung dieses Gremiums wurde so gut wie überhaupt nicht thematisch über Entwicklungen gesprochen, die direkt den Bereich der Hilfen zur Erziehung betreffen. Manchmal ist es auch aufschlussreich, zu hören, worüber nicht gesprochen wird, um zu erkennen, wohin die jugendhilfepolitische Reise geht.

Darüber hinaus kam in diesem (faktisch noch demokratischen) Ausschuss in zwei Stunden keine Diskussion zustande. Die Inszenierung dieser Veranstaltung wurde durch und durch vom Landrat und der Führung des öffentlichen Trägers gestaltet. Alle anderen Mitglieder sprachen nach Aufruf des Tagesordnungspunktes und handelten diesen geschäftsmäßig ab. Ansonsten herrschte eine beklemmende Atmosphäre, in der die Runde von ca 30 Personen weitgehend schwiegen. Es war in meinen Augen ein Spiegel der lange schon bestehenden Lähmung und des Phlegmas in unserem Fachbereich, wie insgesamt in unserer Gesellschaft. Das Mantra des Einsparungsdiktates scheint alle in einen kollektiven Tiefschlaf zu hüllen, in dem wir quasi geschäftsmäßig unseren Fachbereich und unsere Fachlichkeit wie unter Autosuggestion auf die Schlachtbank tragen. Oft fühle ich mich an das Buch "Momo" von Michael Ende erinnert, in der er fast visionär diese beklemmende Zeit vorausgeahnt hatte. Überall sitzen die "grauen Herren" und paffen uns die Seele und unsere Identität aus dem Leib und machen uns selbst zu still und nüchtern funktioniernden Agenten einer unsichtbaren, aber allgegenwärtigen Macht.

Was können wir tun? Zunächst einmal heißt es, innerlich anzuhalten, sich der eigenen beruflichen Profession wieder bewusst zu werden. Dann sollten wir uns mit anderen Mitstreitern zusammentun, die ebenfalls nicht mehr länger bereit sind, diesen schleichenden Niedergang zu dulden.

Dann sollten wir uns gemeinsam Fragen stellen: Wie und warum habe ich Soziale Arbeit gelernt? Wie sieht mein beruflicher Ethos, mein professioneller Anspruch und wie sieht dagegen die berufliche Wirklichkeit aus? Welche Folgen hat diese chronische Beschneidung für unser Arbeiten und für die Menschen, die auf unsere fachliche Hilfe hoffen und setzen.

Wir können und sollten wieder den Mut entwickeln, den Niedergang unserer fachlichen Arbeit nicht länger zu akzeptieren und laut vernehmbar in unseren Teams, unseren Vorgesetzten, Trägern und politisch Verantwortlichen vor Ort gegenüber zu benennen, was an dieser funktionalisierten Einspar- und Kontrolljugendhilfe faul ist. Wir müssen uns wieder einmischen, den fachlichen Diskurs überhaupt wieder beleben. Und wir müssen auftauchen, wir Mitarbeiter von der Basis, die wir die zentrale Arbeit am Menschen leisten. 

Der Besuch der Jugendhilfeausschusssitzung ist ein demokratisches Recht und ein wunderbarer Ort, um in Erfahrung zu bringen, was vor Ort geplant wird. Aber unsere Anwesenheit ist zugleich ein Signal, dass wir da sind, dass wir zuhören, wachsam sind und uns zukünftig berufspolitisch in die Belange vor Ort einmischen werden. 

Matthias Heintz 

Kommentare  

 
#3 Rene Damies 2012-07-18 14:47
Moin, sehr schöner Beitrag von Herrn Heintz.
In etwa die gleichen Erfahrungen habe ich als Teilnehmer in einer Sitzung des Jugendhilfeauss chusses in Hamburg - St.Georg gemacht.
Die Leitung hatte Johannes Karst, SPD.

Leider konnte ich dem Artikel nicht entnehmen, in welchem Ort diese von Herrn Heintz beschriebene Jugendhilfeauss chusssitzung stattgefunden hat.

Ich kann es ebenfalls jedem, der Zeit und Interesse hat, empfehlen, zu solchen Sitzungen zu gehen. Dank des Internets ist es relativ einfach, Ort und Zeit
derartiger Sitzungen zu erfahren.

Liebe Grüße

R. Damies
 
 
#2 matthias heintz 2012-07-18 09:06
Hallo Herr Janßen,

ja, da kann ich mitgehen. Wichtig ist vor allem, einen Weg zu finden, wie wir dieses Phänomen eines - ich nenne es mal - betäubten Bewusstseins öffnen können. Ich mache auch meinen Vorgesetzten gegenüber, sowie dem öffentlichen Träger gegenüber regelmäßig den Mund auf, spreche die Umsteuerungsmec hanismen, die unserer Arbeit immer öfter und nachhaltig schaden, offen an. Aber statt Kritik zu ernten, wird es sehr oft auf eine beinahe schon unheimliche Art abgespalten. Das hat manchmal schon Züge dissoziativer Reflexe.
Übrigens hat der amerikanische Kulturphilosoph Neil Postman bereits in den 80er Jahren in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" geschrieben, dass wir wahrscheinlich mehr im Sinne der Vision von Huxleys "schöner neuer Welt" gesteuert werden, denn nach der Vision von Orwell. Ganz gleich wie, ich möchte beides nicht und werde weiter am Ball bleiben, diese Umsteuerungsakt eure auf allen Ebenen so gut als möglich zu stören und meine KollegInnen so oft als möglich zu rütteln und ihnen Mut machen, sich einzumischen und zu wehren.
Ich danke Ihnen für Ihre Rückmeldung.
Matthias Heintz
 
 
#1 Raimund Janßen 2012-07-17 10:22
Hallo Herr Heintz,
nicht nur der "kleine Sozialarbeiter" an der Basis sollte endlich aufwachen, besser wäre es, wenn die zuständigen Gewerkschaften endlich die Initiative ergreifen und handeln würden,- dass ist eigentlich ihre Aufgabe. Auch die Lehrkörper in den Ausbildungsbetr ieben der Sozialen Arbeit (Hochschulen und Fachhochschulen ) scheinen immer noch zu schlafen, was ich besonders besorgniserrege nd empfinde.
Ich persönlich finde den Roman "1984" von George Orwell viel passender als "Momo", denn meiner Meinung nach leben wir bereits in einer "dystopischen Gesellschaft". Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine diktatorische Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie (laut Wikipedia): "Dem Individuum sind durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheiten genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte gekappt."
 

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